Jolinchen's Welt
Jolinchen's Welt
30

8:30

„Guten Morgen alte Frau!“ Mit diesem Satz begrüßte mich heute Früh mein Freund und drückte mir einen Schmatzer auf die Backe. War das sein Ernst? Sehr ermunternd in Betracht dessen, dass heute mein dreißigster ist. Ich weiß immer noch nicht, ob das ein Scherz war. Frechheit! Ich war allerdings zu müde um ihm für diese arge Beleidigung eine Kopfnuss zu verpassen, ich war einfach zu langsam. Er war schon unter der Dusche bis mir die Wut, pochend in meinen Adern, ins Gehirn schoss, ins Walnuss-Hirnchen. Verdammt! Ist Langsamkeit nicht ein Zeichen von Alterung? Nein, ich werde jetzt nicht der Resignation verfallen, schließlich schaffe ich es noch die Leute zu verblüffen. Neulich hat ein Mann an meiner Haustür geklingelt und wollte um eine Spende bitten. Allerdings fragte er nach meinen Eltern, er hielt mich nicht für entscheidungsfähig aufgrund meines jugendlichen Aussehens. “Meine Eltern? Ich bin dreißig! Ich denke, ich kann das alleine entscheiden!“ Schmetterte ich ihm triumphierend in sein verdutztes Gesicht. Daran werde ich mich heute aufraffen. Außerdem: Man ist so alt wie man sich fühlt!

P.S.: Freundchen, wenn wir uns heute Nachmittag sehen und es gibt noch so ein Spruch, gibt’s ne Rauferei! Und wenn du meinst ich wäre alt, dann bist du bereist so runzlig und alt wie eine Rosine unter Al Bundys Sofa.

 

12:30

Puh, Arbeit geschafft! Blumen und Geschenke eingeheimst. Danke Leute! Mittags warme Kipfel mit Nutella gegessen. Schmackofatz! Nochmal über meinen Wutanfall nachgedacht. Schatz, es tut mir leid du bist nicht runzelig, deine Haut ist glatt wie ein Babypopo…

 

21:30

Jetzt mal ein vernünftiges Wort nach zwei Gläsern Wein: Ich will älter werden! Sonst müsst ich ja früh sterben...

 

Am nächsten Tag

23:30

Kaum bin ich dreißig, erlebe ich den ersten Schwächeanfall meines Lebens. Mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen, aufgewacht und meinen alternden Leib schlaftrunken die Treppen hoch ins Badezimmer geschleppt. Zahnbürste geschnappt und Zahnpasta daneben gespritzt. Auf einmal hatte ich zwei in der Hand, was allerdings nicht daran lag, dass ich meine Brille nicht aufhatte. Ich blickte in den Spiegel und sah mein Antlitz aschfahl. Mein Magen begann sich auf einmal von innen nach außen zu drehen. Ach du Schande! Ich stellte mich auf einen Brechschwall ein, hängte meinen Oberkörper über die Kloschüssel und währenddessen hörte ich mein Herz in den Ohren schlagen. Ich bekam keine Luft in die Lungen, also richtete ich mich wieder auf und kalter Schweiß lief mir die Stirn hinunter und das Schlagen meines Herzens in den Ohren wich einem Meeresrauschen, das den ganzen Raum erfüllte. Ich stützte mich am Waschbeckenrand ab und sah plötzlich Sternchen, während ich auf die Welle wartete, die mich umhaut. Achtung! Es wird gleich dunkel, ging mir durch den Kopf. Aber ich stand und atmete, atmete und atme noch.

 

7.11.14 14:34
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de