Jolinchen's Welt
Jolinchen's Welt
Gestank

Letzte Woche habe ich im Labor fünfzig Tropfgläser Baldriantinktur abgefüllt, was für meine Nase wahrlich kein Vergnügen war. Riecht wie Iltis nach einem Jogginglauf. Aber sie sind sehr gefragt zum Leidwesen für den, der sie abfüllen muss. Wer mich kennt, ahnt bereits was passieren könnte. Ich habe nicht nur den Hintern einer Elefantenkuh, sondern besitze auch noch deren Geschicklichkeit. Ich marschiere nicht gemütlich wie ein Dickhäuter durch die Apotheke, nein, ich wetze. Vom Labor zur Offizin, von Offizin zum Bestellplatz zurück ins Labor. Meine Rückansicht gleicht der einer galoppierenden Elefantenkuh. Ich bin in der Arbeit eigentlich sehr genau und ordentlich, aber hin und wieder kommt das Tollpatsch-Gen eben doch durch. Weil ich so viel geflitzt bin, hab ich in der Hektik ein Fläschen Baldriantinktur mit dem Handrücken umgeworfen und die stinkende Flüssigkeit ergoss sich auf meine Jeans, spritzte dabei auch noch meinen Kittel voll und sogar die Brille war braun gesprenkelt.  Der Tag war bis zu diesem Moment so harmonisch, alles lief wie am Schnürchen, doch dann verzogen sich die Schäfchenwolken in meinem Gemüt und Cumulonimbuswolken türmten sich auf in meinem Inneren und das obwohl ich in einer stinkenden Baldrianwolke stand, die mich eigentlich hätte beruhigen sollen. So viel wie ich davon inhaliert habe, hätte ich eigentlich die Gelassenheit selbst sein sollen, stattdessen schimpfte  ich leise skatologisch. Der Schäfer auf der Baldrian Packung guckt wahrscheinlich nur so selig, weil er an der frischen Luft ist und Schäfchen zählen darf (hätte ich auch gern!). Da ich ja darauf achte immer einen zweiten Kittel in petto  zu haben, konnte ich meinen vollgesabberten wechseln und stand dann wenigstens nur noch in stinkenden Jeans hinterm HV-Tisch. Oben Hui, unten Pfui! Beim Bedienen konnte ich beobachten wie manche die Nase rümpften. Andere traten einen Schritt zurück und wieder andere waren ganz direkt: „Hier stinkt`s nach altem Putzlumpen!“  sagte eine ältere Dame, die aussah und sich bewegte wie eine Disneyhexe. Denen konnte ich wenigstens den Grund erklären, während die anderen wohl dachten ich hätte übelste, stinktiermäßige Flatulenzen. So wie unsere Putzfrau. Sie kam herein, stellte sich breitbeinig hinter den Tresen und sagte angewidert: „Hier stinkt`s!“ schnüffelte in die Luft wie ein Bluthund der eine Fährte aufnimmt und blieb letztendlich mit ihrem Blick an mir hängen. „Hat jemand in die Hose gemacht?“ fragte sie mich todernst. Obwohl ich mich schon wegen meines Geruches schämte, kringelte ich mich innerlich vor Lachen, schlug geradezu Purzelbäume, versuchte aber ebenfalls ernst zu wirken. Diese unterschwellige Anschuldigung verführte mich geradezu den Satz zu formulieren: „Oh Mann, mir saß der Furz so quer, ich musste jetzt unbedingt einen fahren lassen, sonst hätt`s mich zerrissen!“ Sie stutzte kurz, aber fing dann das Lachen an, weil ich den letzten Teil des Satzes nur im hyänenhaften Gekicher  hervorbrachte.  Natürlich löste ich die Situation auf und beschloss nicht weiter hier wie ein Wiedehopf zu stinken. Ich musste an die frische Luft, Landluft, die nun auch einen charaktervollen Duft hatte, weil der Bauer frisch gedüngt hatte. Um die Räumlichkeiten nicht zu verpesten, entschied ich mich mit meinem klapprigen Fahrrad ausliefern zu gehen, draußen merkt ja  keiner meinen Gestank, weil alles stinkt. Wie der Zufall es so will, lande ich bei einer Katzenliebhaberin. Sie machte die Tür auf und nahm mit ausgestrecktem Arm ihre Medikamente entgegen (wenn sie eine Kneifzange gehabt hätte, dann hätte sie eine benutzt), fischte in ihrer Geldbörse nach Kleingeld und während sie da hektisch herumfummelte, drückte sich durch den Türspalt eine Samtpfote, schmiegte sich an meine Beine und schnurrte. So ein süßes Kätzchen.  Ich ging in die Hocke und verwöhnte sie mit Streicheleinheiten, während sie ihren Kopf an mir rieb. Endlich hatte die Frau das Geld zusammen und gab es mir, aber die Katze wollte nicht zurück in die Wohnung. Ich war begehrt wie Sahne, an der die Mieze schlabbern wollte. Die Besitzerin, etwas irritiert von dem Verhalten ihres Stubentigers,  schnalzte mit der Zunge und lockte und rief, aber die Katze sträubte sich. Als der Aufzug da war, stieg ich ein und sah noch während des Schließens der Aufzugtüren, wie sich die Mieze katzbucklig und miauend gegen die Hände ihrer Besitzerin wehrte, die sie in der Luft fing, bevor sie in den Aufzug hüpfen konnte. Mensch, ich war doch noch attraktiv, zumindest fürs Kätzchen. Als ich unten angekommen, die Haustüre öffnete und auf mein Fahrrad steigen wollte, saßen wie bestellt und nicht abgeholt zwei weitere schnurrende Miezen, die mich total verklärt ansahen mit ihren schlitzförmigen Pupillen und ihren im Zeitlupentempo winkenden Schwanzspitzen. Ein bisschen unheimlich war das schon. Aber mir wurde alles klar. Der Baldrian…

2.11.14 11:13
 


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